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Warum Aufwärmen so wichtig ist
Aufwärmtraining hat nichts mit kalten Füßen zu tun. Es bereitet alle Zellen, Muskeln, Sehnen, Bänder und Gelenke auf die kommende Belastung vor. Ohne diese Vorbereitung riskierst du Verletzungen, die sich vermeiden lassen.
Hier ein Überblick, was während des Aufwärmens im Körper deines Pferdes passiert:
- Synovia (Gelenkflüssigkeit): Im unbewegten, kühlen Zustand dickflüssig wie Honig. Erst durch Bewegung wird sie dünnflüssiger und kann die Gelenke schmieren. Das braucht je nach Außentemperatur 10–20 Minuten im Schritt auf festem Boden.
- Knorpel: Wird nicht durchblutet! Ernährung funktioniert nur durch Kompression und Dekompression bei jedem Schritt. Ohne Aufwärmen steigt das Risiko für Knorpelschäden, Absprengungen und Risse – mit Entzündungen und Arthrosen als Folge.
- Sehnen und Bänder: Müssen ruhig gleiten, sich dehnen und zusammenziehen. Durch Reibung verteilen sich Flüssigkeiten, die für die Gleitfähigkeit sorgen.
- Muskulatur: Muss durchblutet und erwärmt werden. Bei geringem Blutfluss sammeln sich Stoffwechsel-Endprodukte an. Ein kalter, unvorbereiteter Muskel reißt um ein Vielfaches schneller als ein warmer.
- Lunge und Herz: Müssen langsam aufgewärmt werden. Durchblutung und Stoffwechsel werden schrittweise gesteigert.
- Bindegewebsstrukturen des Rumpfes: Brauchen genauso langsames Aufwärmen wie die Bandstrukturen der Beine – auch der Verdauungstrakt und die Kopf-/Halsmechanik.
Gutes Zeichen: Verstärktes Pupsen in der Aufwärmphase ist völlig normal. Die Peristaltik (Darmbewegung) wird durch die Bewegung angeregt – das zeigt, dass das Aufwärmen wirkt.
Boxenhaltung – Problem für den Bewegungsapparat
Pferde sind Lauftiere. In der Natur bewegen sie sich stetig fort – Stehhaltung ist nie vorgesehen. Mehr als 16 Stunden in der Box schränkt die Gesundheit des Bewegungsapparates ein und wird leistungslimitierend.
Achtung: Studien zeigen, dass schon eine kurze Zeit in Unbeweglichkeit genügt, um die Qualität des Sehnengewebes zu verschlechtern. Boxenhaltung ist besonders problematisch in Kombination mit schwerem anaerobem Training – Stoffwechsel-Endprodukte im extrazellulären Raum führen zu Muskelsteifheit und Muskelzellverlusten.
„Wer rastet, der rostet – oder auch: Wer sich nicht bewegt, oxidiert. Kein Wunderpulver der Welt ist ein so gutes Antioxidans wie ausreichende und sinnvolle Bewegung und angepasste Ernährung.“
Was das für die Praxis bedeutet: Wenn dein Pferd viel in der Box steht, braucht es umso mehr Zeit zum Aufwärmen. Plane lieber 20 als 10 Minuten Schritt ein. Zusätzliche freie Bewegung auf dem Paddock oder der Weide ist der beste Ausgleich.
Faszien beim Pferd verstehen
Faszien sind bewegliches Bindegewebe – sowohl innerhalb eines Muskels als auch darum herum. Sie können glatt und flächig oder straff und faserig sein. Für das Aufwärmen spielen sie eine zentrale Rolle.
Drei Arten von Faszien
| Art | Lage | Funktion |
|---|---|---|
| Oberflächliche Faszien | Direkt mit der Haut verbunden | Geben dem Pferd Form, stabilisieren Haut und Unterhautfettgewebe. Sehr dehnfähig. |
| Tiefe Faszien | Umspannen die Muskulatur | Stark innerviert, reagieren auf Außenreize (z.B. Trittverletzungen, nicht passende Sättel). Halten Muskulatur in Form. |
| Viszerale Faszien | Umgeben die Organe | Halten Organe an Ort und Stelle, schützen sie und sorgen für Gleitfähigkeit. |
Was passiert mit den Faszien beim Aufwärmen?
Unbewegte Faszien sind fest und wenig elastisch. Durch langsames In-Wallung-Kommen gibt die Grundspannung nach und erlaubt gute Bewegung.
Querstreifen am Rumpf: Die schräg von der Wirbelsäule herunterführenden Querstreifen, die beim Aufwärmen sichtbar werden, sind kein Krankheitszeichen. Sie entsprechen dem Abstand der Nervenaustritte an der Wirbelsäule und zeigen, dass die Faszie „wach“ ist. Beobachte die An- und Entspannung der äußeren Rumpffaszien beim Aufwärmen – das gibt dir wertvolle Hinweise auf den Zustand deines Pferdes.
Die drei Phasen des Aufwärmens
Das Aufwärmen lässt sich in drei klar definierte Phasen einteilen. Jede Phase hat einen bestimmten Zweck – und keine davon sollte abgekürzt werden.
Phase 1: Geradeaus Schritt führen (10–20 Minuten)
Führe dein Pferd im Schritt auf festem Boden. Die Dauer hängt von der Außentemperatur ab – im Winter länger, im Sommer kürzer.
- Synovia kommt auf Temperatur und wird dünnflüssig
- Knorpel wird durch Kompression und Dekompression mit Nährstoffen versorgt
- Sehnen und Bänder werden gedehnt und entspannen sich
- Blutdurchfluss in den Muskeln steigt, Stoffwechsel wird angeregt
- Aktive Antioxidation findet statt
Phase 2: Gewöhnung an das Reitergewicht (5–10 Minuten)
Sitze auf und reite weitere 5–10 Minuten im Schritt. Dein Pferd muss sich an die zusätzliche, sich unwillkürlich bewegende Masse gewöhnen. Auch für gut gerittene Pferde gilt: Diese Zeit einplanen.
Phase 3: Gewöhnung an Seitwärtsbewegungen
Jetzt beginnt die Arbeit auf gebogenen Linien:
- Sanfte Dehnung von Sehnen, Bändern, Faszien und Muskeln
- Gewöhnung der Gelenke an Kraftverschiebung auf den Belastungsflächen
- Jedes Gelenk sollte in alle vorgesehenen Richtungen bewegt werden
- Spätestens hier kommen Herz und Lunge richtig in Wallung
Gilt auch an der Longe: Die drei Phasen gelten für jedes Pferd in jedem Alter und jedem Ausbildungsstand – am Boden genauso wie unter dem Sattel.
Aufwärmzeit mit dem Pferdetagebuch tracken
Mit der Pferdetagebuch-App zeichnest du die Herzfrequenz schon beim Aufwärmen auf. So siehst du genau, wann die Synovia auf Temperatur ist und dein Pferd bereit für die eigentliche Arbeit.
Kostenlos ausprobierenAuch der Reiter muss sich aufwärmen
Nicht nur das Pferd braucht eine Aufwärmphase – auch du als Reiter profitierst enorm davon. Idealerweise wärmst du dich gleichzeitig mit dem Pferd auf. Noch besser: Ein eigenes Stretching-Programm vor dem Aufsitzen.
Deine eigene Fitness beeinflusst die Qualität deiner Reiterei direkt. Ein verspannter, kalter Reiter gibt unpräzise Hilfen und sitzt unausbalanciert – das spürt dein Pferd sofort.
Praxistipp: Nutze die 10–20 Minuten Schrittführen in Phase 1 für leichte Dehnübungen: Schulterkreisen, Nacken lockern, Hüfte mobilisieren. So seid ihr beide bereit, wenn die Arbeit beginnt.
Fitnesstest – Schritt für Schritt
„Ein Fitnesstest ist kein Leistungstraining. Man will nur eine Idee haben, zu was das Pferd in der Lage ist und wo Überforderung beginnt. Und zwar physisch und psychisch.“
Ehrlichkeit mit dir selbst und deinem Pferd ist dabei entscheidend. Vergleiche immer nur mit dir selbst – nie mit anderen Pferden oder Reitern. Voraussetzung: Dein Pferd muss gesund sein.
Teststrecke festlegen
Lege eine feste „Hausrunde“ oder Standardstrecke fest – eine Ovalbahn oder Geländestrecke, auf der du alle drei Gangarten reiten kannst. Mindestens 100 Meter am Stück pro Gangart sollten möglich sein. Diese Strecke nutzt du in den Folgemonaten immer wieder zur Überprüfung des Trainingsfortschritts.
Was du brauchst
- Streckenlänge (abmessen oder GPS)
- Geschwindigkeitsmessung (Smartphone oder GPS-Uhr)
- Pulsmessung am Pferd (Pulsgurt oder manuell)
Warnung vor Smartphone-Apps ohne Sensor: Apps, die den Pferdepuls allein aus der Handybewegung kalkulieren, sind unbrauchbar. Schüttelt man das Handy im Stand, zeigt es einen Arbeitspuls an. Verwende immer einen echten Pulsgurt.
Die vier Kernfragen
- Wo liegt der Pulswert in Schritt, Trab und Galopp?
- Wie lange kann das Pferd bei gleichbleibendem Geläufe und Geschwindigkeit diesen Wert halten?
- Nach welcher Zeit oder Distanz steigt der Puls an?
- Wie lange braucht das Pferd, um wieder zum Ausgangspuls zu kommen?
Orientierungswerte Freizeitpferd
| Gangart | Puls (Schläge/min) | Geschwindigkeit | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Schritt | 60–70 | ca. 4,5 km/h | Ohne Zeitbegrenzung |
| Trab | 90–110 | ca. 10–11 km/h | Dauer messen |
| Galopp | 140–160 | ca. 16 km/h | Dauer messen |
Diese Werte dienen als Orientierung. Jedes Pferd ist anders – entscheidend ist der individuelle Verlauf über die Zeit. Miss die Erholungsdauer: Wie lange braucht dein Pferd vom Trabpuls zurück auf 60 Schläge/min? Beim ersten Test können das 20 Minuten im langsamen Schritt sein – nach mehreren Wochen Training vielleicht nur noch 5–10 Minuten.
Fitnesstest dokumentieren und vergleichen
Das Pferdetagebuch speichert Puls, Geschwindigkeit und Erholungsdauer automatisch. So vergleichst du deinen Fitnesstest über Wochen und Monate – mit echten Zahlen statt Bauchgefühl.
30 Tage kostenlos testenTrainingsfortschritt erkennen
Wenn du die Teststrecke regelmäßig reitest und die Herzfrequenzdaten aufzeichnest, kannst du den Fortschritt in drei Richtungen ablesen:
1. Gleicher Puls, höhere Geschwindigkeit
Beispiel: Vorher 2 km bei 5 km/h mit Puls 70 – nach 6 Wochen: 2 km bei 6,5 km/h mit Puls 70. Dein Pferd leistet mehr bei gleicher Belastung.
2. Gleiche Geschwindigkeit, niedrigerer Puls
Beispiel: Vorher 2 km bei 5 km/h mit Puls 70 – nach 6 Wochen: 2 km bei 5 km/h mit Puls 60. Die gleiche Arbeit strengt weniger an.
3. Gleicher Puls, längere Strecke
Beispiel: Vorher 2 km bei gleicher Geschwindigkeit und Puls – nach 6 Wochen: 4 km bei gleicher Geschwindigkeit und Puls. Dein Pferd hat mehr Ausdauer aufgebaut.
Eine Reduktion der Herzfrequenz um 10 Schläge pro Minute bei gleicher Leistung ist bereits ein enormer Trainingsfortschritt.
Wann wiederholen?
- Die erste Messung ist dein Ausgangspunkt – ab in die Schublade
- Wiederholung sinnvoll erst nach 6 Wochen gezieltem Training
- Vorher macht wenig Sinn – die größte Leistungssteigerung ist erst dann deutlich messbar
Tipp fürs Gelände: Im Gelände liegt der Ruhepuls durch Außenreize etwas höher als in der Reithalle – das ist normal. Erfasse Höhenmeter mit, falls vorhanden. Und lass dein Pferd seinen Gang „finden“ – zu frühes Eingreifen in die Ganggeschwindigkeit geht auf Kosten des Gleichgewichts.
Häufige Fragen zum Aufwärmen
Wie lange muss ich mein Pferd aufwärmen?
Das Aufwärmen besteht aus drei Phasen: 10–20 Minuten Schritt führen auf festem Boden (je nach Außentemperatur), 5–10 Minuten Schritt unter dem Reiter und anschließend langsame Seitwärtsbewegungen auf gebogenen Linien. Insgesamt solltest du mit mindestens 20–30 Minuten rechnen, bevor du mit der eigentlichen Arbeit beginnst.
Was sind die Querstreifen am Rumpf meines Pferdes beim Aufwärmen?
Die schräg von der Wirbelsäule herunterführenden Querstreifen sind ein positives Zeichen: Die Faszien werden aktiv. Sie entsprechen dem Abstand der Nervenaustritte an der Wirbelsäule und sind kein Krankheitszeichen. Die Streifen zeigen, dass das Aufwärmen wirkt.
Welchen Puls sollte mein Freizeitpferd im Schritt, Trab und Galopp haben?
Orientierungswerte: Schritt ca. 60–70 Schläge/min bei 4,5 km/h, Trab ca. 90–110 Schläge/min bei 10–11 km/h und Galopp ca. 140–160 Schläge/min bei 16 km/h. Diese Werte sind individuell verschieden und dienen als Ausgangspunkt für deinen eigenen Fitnesstest. Mehr zu den Trainingszonen.
Wie oft sollte ich den Fitnesstest wiederholen?
Die erste Messung dient als Ausgangspunkt. Eine Wiederholung ist frühestens nach 6 Wochen gezieltem Training sinnvoll. Vorher sind die Veränderungen meist noch nicht deutlich messbar. Danach kannst du den Test regelmäßig alle 4–6 Wochen auf derselben Strecke durchführen.
Weiterlesen
- Trainingszonen beim Pferd – Herzfrequenz-Zonen richtig nutzen
- Pulsmessung beim Pferd: Was du wissen musst
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Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine tierärztliche Beratung. Bei gesundheitlichen Problemen oder Unsicherheiten wende dich bitte an deine Tierärztin oder deinen Tierarzt. Die Anwendung der beschriebenen Trainingsmethoden erfolgt auf eigene Verantwortung.
Quelle: Röhm, Constanze: „Trainingslehre für Freizeitreiter“, S. 95–104. Die Inhalte wurden für die praktische Anwendung aufbereitet.