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Messtechnik: So funktioniert ein HF-Messgerät
Ein Herzfrequenz-Messgerät für Pferde besteht aus drei Komponenten: zwei flachen Elektroden auf der linken Körperseite, einem Sender am Bauchgurt und einem Empfänger im Armbandformat für den Reiter.
So wird das Messgerät angelegt
- Pluselektrode: Bereich Schulter/Widerrist
- Minuselektrode: Unterer Brustkorbbereich, gleich hinter dem Ellbogen
- Das Fell an den Elektrodenstellen vorher anfeuchten – das verbessert die Signalqualität erheblich
- Sender wird am Bauchgurt, Sattelzeug oder Fahrgeschirr fixiert
Was moderne Geräte können
- Echtzeit-Pulsanzeige während des Reitens
- Einstellbare Ober- und Untergrenzen mit Warnsignal bei Überschreitung
- Speicherfunktion für spätere Computer-Auswertung
- Grafische Kurvendarstellung und detaillierte Analyse
Pferdetagebuch-App: Die App verbindet sich per Bluetooth direkt mit deinem HF-Brustgurt (Standard BLE Heart Rate Profile). Kein separater Empfänger nötig – dein Smartphone oder die Apple Watch zeigt die Werte in Echtzeit an.
Was zeigt die Pulskurve an?
Die Herzfrequenz-Kurve ist weit mehr als nur eine Zahl. Sie verrät dir, wie dein Pferd tatsächlich belastet ist – unabhängig von Geschwindigkeit oder Gangart.
Bei Belastungsbeginn: Die Vorstart-Reaktion
Schon beim Satteln kann der Puls auf 110+ Schläge/min springen – rein psychisch bedingt. Das ist normal und kein Grund zur Sorge. Unter körperlicher Belastung folgt eine kurze Einschwingzeit, bis sich die Herzfrequenz einpendelt.
Merke: Ab ca. 120 Schlägen/min kannst du psychische Faktoren nahezu ausschliessen – dann ist die körperliche Belastung der dominierende Faktor. Je besser trainiert dein Pferd ist, desto kürzer ist die Einschwingzeit.
Bei Dauerbelastung: Der Steady-State
Nach 4–6 Minuten gleichmässiger Belastung pendelt sich die Herzfrequenz auf ein stabiles Niveau ein – den sogenannten Steady-State. Trainierte Pferde erreichen diesen Zustand bereits nach 2 Minuten.
Im Steady-State herrscht Gleichgewicht zwischen Sauerstoffbedarf und -nachschub. Je höher der Trainingszustand, desto höher die Belastungsstufe, bei der dein Pferd noch einen stabilen Steady-State halten kann.
Bei ansteigender Belastung
Die Herzfrequenz steigt linear bis ca. 140–200 Schläge/min (je nach Rasse und Training). Danach flacht der Anstieg ab. Wichtige Erkenntnis: Je flacher der Anstieg, desto leistungsfähiger ist dein Pferd.
Trainingszustand erkennen – zwei Indikatoren
- Dein Pferd bewältigt bei gleichbleibender Herzfrequenz eine längere Strecke
- Dein Pferd benötigt für die gleiche Strecke eine niedrigere Herzfrequenz
Normalwerte nach Gangart – die grosse Referenztabelle
Die folgende Tabelle zeigt Orientierungswerte für die Herzfrequenz bei verschiedenen Belastungsarten. Bedenke: Das sind keine starren Normen – individuelle Faktoren beeinflussen die Werte erheblich.
| Belastungsart | Geschwindigkeit | Herzfrequenz |
|---|---|---|
| Ruhe | – | 30–50/min |
| Vorstart-Reaktion | – | 65–100+/min |
| Schritt | 6–8 km/h | 50–90/min |
| Arbeitstrab | 10–15 km/h | 80–125/min |
| Schneller Trab | 15–18 km/h | 100–160/min |
| Arbeitsgalopp (Canter) | 18–21 km/h | 120–170/min |
| Galopp | 24–32 km/h | 160–200/min |
| Renngalopp | 36–48+ km/h | 205–240+/min |
Achtung: Dies sind Orientierungswerte, keine Normen! Rasse, Alter, Trainingszustand, Temperament und äussere Bedingungen beeinflussen die Werte erheblich. Vergleiche immer nur dein eigenes Pferd mit sich selbst.
Was die Herzfrequenz beeinflusst
Die Herzfrequenz ist kein isolierter Wert – sie reagiert auf eine Vielzahl von Faktoren. Das ist gut zu wissen, um Messwerte richtig einzuordnen:
- Rasse, Geschlecht und Alter – Vollblüter reagieren anders als Kaltblüter
- Gesundheits- und Trainingszustand – ein krankes oder untrainiertes Pferd hat höhere Werte
- Psychische Verfassung – Aufregung, Angst oder Vorfreude treiben den Puls hoch
- Tages- und Jahreszeit – morgens niedriger als abends, saisonale Schwankungen
- Klima und Wetter – Höhe, Lufttemperatur, Feuchtigkeit und Wind
- Medikamente – können die Herzfrequenz senken oder erhöhen
Tipp: Dokumentiere bei jeder Trainingseinheit auch Wetter, Tageszeit und Besonderheiten. So kannst du später besser einordnen, warum der Puls an bestimmten Tagen höher oder niedriger war. Das Pferdetagebuch erfasst Wetter und Temperatur automatisch.
Die Pulskurve lesen: Pulssummen und O2-Bilanz
Für die vertiefte Analyse der Herzfrequenz-Kurve unterscheidet man:
- Belastungspulssumme: Gesamtarbeit des Herzens während der Belastung
- O2-Defizit: Differenz zum aeroben Gleichgewicht – wie stark musste der Körper „auf Kredit“ arbeiten?
- O2-Schuld: Mehrarbeit des Herzens nach Belastungsende bis zur Rückkehr zum Ruhepuls – die „Rückzahlung“
- Ermüdungsanstieg: Schleichender Herzfrequenz-Anstieg bei Dauerbelastung – ein frühes Zeichen für zunehmende Erschöpfung
Pulskurven automatisch aufzeichnen
Die Pferdetagebuch-App zeichnet die komplette Herzfrequenz-Kurve während des Trainings auf. Nachher siehst du den Verlauf, die Zonenverteilung und die Erholungszeit – alles in einer übersichtlichen Ansicht.
Kostenlos ausprobierenHerzfrequenz nach Disziplin
Je nach Disziplin unterscheiden sich die Belastungsmuster erheblich. Das hat direkte Auswirkungen auf die Trainingsgestaltung.
Dressur
Dressurarbeit beansprucht überwiegend den aeroben Stoffwechsel. Die Herzfrequenz im Grand Prix bewegt sich zwischen 60 und 160 Schlägen/min. Weniger die Ausdauer, dafür koordinative und biomechanische Fähigkeiten stehen im Vordergrund. Psychische Anspannung verstärkt die Herzbelastung zusätzlich.
Typisches Profil: Schritt (niedrig) → Lösen im Trab → Lektionen mit zunehmender Versammlung (Spitzen bis 150) → Schrittpausen (Absenkung) → Abwärmen.
Springen
Im Parcours liegt die Herzfrequenz bei 150–200 Schlägen/min. Blutlaktatwerte bis 6 mmol/l zeigen einen deutlichen anaeroben Anteil. Mit zunehmendem Schwierigkeitsgrad steigt dieser Anteil – deshalb müssen im Training beide Stoffwechselwege trainiert werden.
Vielseitigkeit
Die körperlich anspruchsvollste Disziplin. In der Geländeprüfung variiert die Herzfrequenz je nach Teilstrecke stark: Wegestrecken bei 120–135/min, Rennbahn bei 170–210/min. Blutlaktat nach der Geländestrecke: bis zu 12 mmol/l – erheblicher anaerober Anteil.
Distanz
Bei Wettkampfdistanzen von 25 bis 160 km ist die Herzfrequenzkontrolle der entscheidende Parameter. Bei Vet-Checks muss der Puls nach 20 Minuten auf 64 Schläge/min abgefallen sein – sonst wird das Pferd ausgeschlossen. An Zwischenstopps werden 72/min nach 10 Minuten angestrebt.
Häufige Fragen zur Pulsmessung
Wie hoch ist der Puls beim Pferd in verschiedenen Gangarten?
Orientierungswerte: Ruhe 30–50/min, Schritt 50–90/min, Arbeitstrab 80–125/min, Arbeitsgalopp 120–170/min, Renngalopp 205–240+/min. Das sind Durchschnittswerte – individuelle Faktoren wie Rasse, Alter und Trainingszustand beeinflussen die Werte erheblich.
Was ist eine Vorstart-Reaktion?
Eine rein psychisch bedingte Erhöhung der Herzfrequenz – schon beim Satteln kann der Puls auf 110+ Schläge/min springen. Ab ca. 120/min überwiegt die körperliche Belastung. Die Vorstart-Reaktion ist normal und kein Grund zur Sorge.
Brauche ich einen Pulsgurt oder reicht eine Smartphone-App?
Ein Pulsgurt mit Hautelektroden ist die einzig zuverlässige Methode. Smartphone-Apps, die den Puls ohne Sensor am Pferd berechnen (z.B. aus der Handy-Bewegung), liefern keine verwertbaren Daten – schüttelt man das Handy im Stand, zeigen sie einen Arbeitspuls an.
Können dickes Fell oder Fettpolster die Messung stören?
Ja. Dichtes Winterfell und grosse Fettdepots können zu Fehlmessungen führen. Zuverlässige Messungen sind nur möglich, wenn das Fettpolster unter den Elektroden weniger als 3 cm beträgt. Das Fell an den Elektrodenstellen gut anfeuchten hilft zusätzlich.
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- Trainingszonen beim Pferd – Herzfrequenz-Zonen richtig nutzen
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Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine tierärztliche Beratung. Bei gesundheitlichen Problemen oder Unsicherheiten wende dich bitte an deine Tierärztin oder deinen Tierarzt. Die Anwendung der beschriebenen Trainingsmethoden erfolgt auf eigene Verantwortung.
Quelle: Heipertz-Hengst, Christine: „Pferde richtig trainieren“, Kap. 3.2–3.3, S. 32–48. Die Inhalte wurden für die praktische Anwendung aufbereitet.