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Ruheherzfrequenz – der wichtigste Basiswert
Die Ruheherzfrequenz ist einer der wichtigsten Parameter für den Gesundheitszustand deines Pferdes. Eine Erhöhung um 10–15 Schläge über den individuellen Normalwert gilt als Alarmsignal – sie kann auf eine beginnende Erkrankung hindeuten.
Gut zu wissen: Anders als beim Menschen lässt sich der Ruhepuls eines Pferdes durch Training kaum weiter senken. Pferde haben von Natur aus einen sehr niedrigen Ruhewert von 25–40 Schlägen pro Minute. Im Schlaf kann die Herzfrequenz noch weiter absinken.
So misst du den Ruhepuls richtig
- Mindestens 5 Tage lang morgens zur gleichen Uhrzeit messen
- Pferd muss gesund, frei von Verletzungen und ausgeruht sein
- Im Stall messen, möglichst frei von Störungen
- Am besten sofort nach Betreten des Stalles – vor dem Füttern oder Herausführen
- Aus allen Werten den Durchschnitt berechnen
Beispiel: Mo 27 + Di 26 + Mi 28 + Do 29 + Fr 25 = 135 ÷ 5 = 27 Schläge/min
Ruhepuls vs. Basis-Herzfrequenz
Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen zwei Werten, die häufig verwechselt werden:
- Ruheherzfrequenz: Unter echten, standardisierten Ruhebedingungen am entspannten Pferd gemessen
- Basis-Herzfrequenz: Ausgangswert im Stall, nach dem Aufsatteln, vor Beginn der Belastung – liegt naturgemäß höher als die Ruhe-Hf
Die Basis-Hf dient als Referenzwert für die Erholungsphase und als Startpunkt deiner Trainingsaufzeichnung.
Tipp fürs Pferdetagebuch: Mache die tägliche Bestimmung der Herzfrequenz (und wenn möglich der Körpertemperatur) morgens zur Routine. So erkennst du Fitness-Zustand, Leistungsreserven und Erholungsfähigkeit frühzeitig. Mit dem Pferdetagebuch dokumentierst du diese Werte und erkennst Trends über Wochen und Monate.
Individuelle Trainings-Herzfrequenz bestimmen
Geschwindigkeit, Strecke oder absolvierte Lektionen zeigen nur das Ergebnis – nicht die tatsächliche physische Belastung. Erst die Herzfrequenz-Kurve zeigt, was dein Pferd wirklich geleistet hat. Dafür gibt es zwei bewährte Methoden:
Methode 1: Dokumentation bei üblicher Arbeit
Über einen längeren Zeitraum zeichnest du die Herzfrequenz bei der täglichen Arbeit auf. Dadurch lernst du, wie dein Pferd auf verschiedene Aufgaben reagiert – abhängig von Tagesform, Wetter und anderen Faktoren.
Methode 2: Die Haus-Teststrecke
Lege eine feste Teststrecke von 800–1500 Metern fest – eben, guter Boden, kleine Höhenunterschiede in Bergauf-Richtung sind sogar wünschenswert.
- Reite die Strecke bei verschiedenen Herzfrequenzen (z.B. 140, 160, 180) und stoppe die Zeit
- Oder: Halte eine bestimmte Herzfrequenz und beobachte, welche Geschwindigkeit dein Pferd dabei wählt
- Nutze einen HF-Empfänger mit einstellbaren Ober- und Untergrenzen
Woran erkennst du Trainingserfolg?
- Gleiche Herzfrequenz, aber längere Strecke bewältigt
- Gleiche Strecke in kürzerer Zeit bei gleicher Herzfrequenz
- Gleiche Leistung mit niedrigerer Herzfrequenz
- Die Erholungszeit wird kürzer
Eine Reduktion der Herzfrequenz um 10 Schläge pro Minute bei gleicher Leistung ist bereits ein enormer Trainingsfortschritt.
Maximalherzfrequenz (Hfmax) ermitteln
Die Maximalherzfrequenz ist genetisch vorgegeben und lässt sich durch Training nicht verändern. Sie unterscheidet sich von Pferd zu Pferd erheblich – in der Fachliteratur finden sich Angaben bis zu 255 Schläge/min.
Wichtig: Ein hoher Hfmax-Wert bedeutet nicht bessere Leistungsfähigkeit – und umgekehrt! Die Hfmax ist lediglich die Grundlage für die Berechnung deiner individuellen Trainingszonen.
Zwei Methoden zur Ermittlung
- Maximalsprint: Ca. 1000 Meter volles Tempo. Nach 20–30 Sekunden Höchstbelastung ist die Hfmax erreicht. Vollblüter können sie bereits nach 8 Sekunden erreichen.
- Hügellauf: Allmählich steigendes Tempo bergauf – je steiler, desto ruhiger das Tempo.
Tipp: Ein „Rennen“ zwischen zwei Pferden motiviert besser als ein Einzeltest. Bestimme die Hfmax an mehreren verschiedenen Tagen, um Ungenauigkeiten auszugleichen.
Voraussetzungen für den Test
- Letzte Fütterung mindestens 2–3 Stunden zurückliegend
- Pferd ausgeruht (Ruhetag oder nur leichte Bewegung am Vortag)
- Sorgfältiges Auf- und Abwärmen
- Gute Bodenbedingungen
- Möglichst identische Bedingungen für Vergleichstests (Tageszeit, Wetter)
Die fünf Trainingszonen im Detail
Die Trainingszonen werden in Prozent der individuellen Hfmax berechnet. Das folgende Beispiel basiert auf einer Hfmax von 230 Schlägen/min:
| Zone | Bezeichnung | % Hfmax | Hf/min (bei 230) | Gangart |
|---|---|---|---|---|
| Z1 | Erholung | 50–60% | 115–138 | Schritt, Trab |
| Z2 | Leichte Bewegung | 60–70% | 139–161 | Trab |
| Z3 | Steady-State | 70–80% | 162–184 | Ruhiger Galopp |
| Z4 | Anaerobe Schwelle | 80–90% | 185–207 | Galopp |
| Z5 | Maximale Kapazität | 90–100% | 208–230 | Renngalopp |
Was passiert in jeder Zone?
| Zone | Hauptzweck | Stoffwechsel | Energiesystem |
|---|---|---|---|
| Z1 | Erholung, Gesundheit | aerob | Fettverbrennung |
| Z2 | Grundfitness | aerob | Optimale Fettverbrennung |
| Z3 | Leistungsaufbau | überwiegend aerob | Fette und Kohlenhydrate |
| Z4 | Leistungssteigerung | aerob + anaerob | Überwiegend Kohlenhydrate |
| Z5 | Wettkampf / Top-Form | höchst anaerob | Nur Kohlenhydrate |
So setzt du die Zonen im Training ein
- Trainingsbeginn: Zone 1–3 sollten den Schwerpunkt bilden – hier baust du eine solide aerobe Basis auf
- Fortgeschrittenes Training: Zone 4 und 5 ergänzen für anaerobe Kapazität und Schnelligkeitstraining
- Nach Zone-4/5-Belastung: Immer Erholungsphasen in Zone 1 einplanen
- Kein festes Rezept: Es gibt keine Universalformel für „wie oft und wie lange in welcher Zone“ – Erfahrung mit deinem individuellen Pferd ist entscheidend
„Praxis regelt die Zahlen!“ – Das Entscheidungskriterium ist immer das Wohlbefinden des Pferdes und der sichtbare Leistungsfortschritt.
Trainingszonen im Pferdetagebuch einrichten
Mit der Pferdetagebuch-App konfigurierst du die Herzfrequenz-Zonen individuell für jedes Pferd. Pulsalarme warnen dich in Echtzeit, wenn dein Pferd eine Zone wechselt.
Kostenlos ausprobierenErholungsherzfrequenz – der Fitness-Gradmesser
Die Erholungsherzfrequenz gibt rückwirkend Aufschluss über die stattgefundene Belastung und den Fitnesszustand. Je schneller und steiler die Rückkehr zum Ausgangsniveau, desto besser die Leistungsfähigkeit deines Pferdes.
| Zeitpunkt | Erwartung | Bewertung |
|---|---|---|
| 1. Erholungsminute | Absenkung um ca. 30 Schläge | – |
| Nach 5 Minuten | Unter 100/min | – |
| Nach 10 Minuten | Unter 68/min | Okay |
| 10–30 Minuten | Um 68/min | Kontrollbedürftig |
| Nach 30 Minuten | Immer noch über 68/min | Alarmzeichen! |
Was die Erholung verzögern kann
- Überforderung durch zu hohe Belastung
- Angestaute Rest-Ermüdung aus vorherigen Trainingseinheiten
- Nicht kompensierter Stress (Wettkampfdruck, fremde Umgebung, fremder Reiter)
- Schmerzen oder beginnende Krankheiten
- Übertraining
- Probleme mit der Wärmeableitung (Hitze, hohe Luftfeuchtigkeit)
Distanzreiten: Bei Vet-Checks muss der Puls innerhalb von 20 Minuten auf 70 Schläge/min zurückgegangen sein – sonst darf der Ritt nicht fortgesetzt werden.
Wichtig beim Vergleich
Die Erholungsherzfrequenz ist für jedes Pferd individuell unterschiedlich. Vergleiche immer nur dasselbe Pferd und nur nach gleichartiger Belastung. Achte auch darauf: Die Erholungswerte der Atmung können nicht gleichermassen zur Fitness-Beurteilung herangezogen werden – die Atmungsfunktion hängt direkt mit der Wärmeregulation zusammen.
Praktische Tipps für dein Training
Trainingsprotokoll führen
Dokumentiere bei jeder Trainingseinheit folgende Werte – so erkennst du Fortschritte und Warnsignale frühzeitig:
- Herzfrequenz in Ruhe (vor dem Training)
- Herzfrequenz bei Belastung (Durchschnitt und Maximum)
- Herzfrequenz nach Belastung (direkt nach dem Ritt)
- Erholung nach 3 und 6 Minuten
- Trainingsinhalte, Dauer, Bemerkungen (Boden, Wetter)
Trainingserfolg sichtbar machen
Wenn du über Wochen die gleiche Teststrecke reitest und die Herzfrequenz-Daten aufzeichnest, werden die Fortschritte sichtbar:
- Gleiche Strecke – niedrigerer Puls = bessere Fitness
- Gleicher Puls – höhere Geschwindigkeit = mehr Leistung
- Kürzere Erholungszeit = bessere Regeneration
Trainingsfortschritte sichtbar machen
Das Pferdetagebuch zeichnet Herzfrequenz, GPS-Track und Zonenverteilung automatisch auf. Über Wochen und Monate siehst du den Fortschritt in übersichtlichen Charts.
30 Tage kostenlos testenHäufige Fragen zu Trainingszonen
Wie hoch ist der normale Ruhepuls beim Pferd?
Der normale Ruhepuls liegt bei 25–40 Schlägen pro Minute. Anders als beim Menschen lässt sich dieser Wert durch Training kaum senken, da Pferde von Natur aus einen sehr niedrigen Ruhewert haben. Eine Erhöhung um 10–15 Schläge über den individuellen Normalwert ist ein Alarmsignal.
Gibt es eine Formel für die maximale Herzfrequenz beim Pferd?
Nein. Im Gegensatz zum Menschen (220 minus Alter) gibt es beim Pferd keine zuverlässige Formel. Die theoretische Obergrenze liegt bei ca. 240 Schlägen/min, aber der tatsächliche Wert ist genetisch vorgegeben und muss individuell ermittelt werden. In der Fachliteratur finden sich Angaben bis zu 255/min.
Wie oft sollte ich in Zone 4 und 5 trainieren?
Es gibt kein festes Rezept. Am Trainingsanfang sollten Zone 1–3 klar überwiegen. Zone 4 und 5 sind Ergänzungen für fortgeschrittenes Training. Nach jeder Z4/Z5-Einheit braucht dein Pferd ausreichend Erholungszeit in Zone 1. Das Entscheidungskriterium ist immer das Wohlbefinden und der sichtbare Leistungsfortschritt.
Was bedeutet „Steady-State“?
Steady-State ist der Gleichgewichtszustand, bei dem Sauerstoffbedarf und -nachschub im Einklang sind. Die Herzfrequenz pendelt sich nach 4–6 Minuten auf das Belastungsniveau ein (trainierte Pferde schon nach 2 Minuten). Je höher der Trainingszustand, desto höher die Belastung, bei der das Pferd noch einen Steady-State erreichen kann.
Weiterlesen
- Pulsmessung beim Pferd: Was du wissen musst
- Warm-up und Cool-down beim Reiten
- Intervalltraining für Pferde: 5 Methoden
- PAT-Werte beim Pferd: Normalwerte und Warnsignale
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine tierärztliche Beratung. Bei gesundheitlichen Problemen oder Unsicherheiten wende dich bitte an deine Tierärztin oder deinen Tierarzt. Die Anwendung der beschriebenen Trainingsmethoden erfolgt auf eigene Verantwortung.
Quelle: Heipertz-Hengst, Christine: „Pferde richtig trainieren“, Kap. 4.1–4.3, S. 49–59. Die Inhalte wurden für die praktische Anwendung aufbereitet.